Svens "kleine Schwester"
Es war am 04.05.05 als ich zum ersten Mal erfahren habe, dass ich adoptiert worden bin und auch noch Geschwister habe.
Ich kam gerade von einem verlängerten Wochenende bei meinen Eltern und checkte meine E-Mails. Eine Mail war von Sven, ganz vorsichtig formuliert mit „… ich vermute, dass Sie meine leibliche Schwester sind…“ Ich dachte zuerst an eine Verwechslung, da ich weiß, dass es hier in Berlin noch eine „Mandy S…“ gibt, die auch in meinem Alter ist. Dann habe ich überlegt, ob ich antworten sollte. Unwohl war mir nicht dabei, ich war ja der Meinung, dass das ein Irrtum war. Am Abend hab ich dann geantwortet. Mein Freund war zu dem Zeitpunkt gerade auf dem Weg von Köln nach Berlin, er war geschäftlich unterwegs. Als die Indizien immer eindeutiger wurden, hatte ich das Gefühl mir würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Es war mir ein starkes Bedürfnis jemanden Vertrautes bei mir zu haben, die Stille in der Wohnung hat mir fast die Nerven geraubt. Ich bat meinen Freund mich abzuholen, das bot sich an, da er zwar schon in Berlin war, aber noch in die Firma bzw. einen Kollegen nach Hause fahren musste. Im Auto erzählte ich ihm vom Geschehenen; da muss mir das wohl alles bewusst geworden sein. Meine Reaktion darauf war dann wohl eher ungewöhnlich, ich musste die ganze Zeit lachen. Nicht laut oder so, ich war auch nicht fröhlich, einfach nur Grinsen – es war so unfassbar für mich.
Die Realität hat mich dann nach ungefähr 2 Tagen eingeholt. Da wurde mir bewusst, dass gar nicht da meine „eigentlichen“ Wurzeln sind wo ich sie über 22 Jahre lang vermutet hab. Ich war teilweise sehr fertig, hab viel geweint – u. a. auch, weil ich nicht wusste wie ich meinen Eltern gegenüber treten soll… Andererseits hat mir Sven auch viele schockierende Dinge über die Umstände damals erzählt, dass ich einfach nur dankbar war, dass meine Eltern mir geholfen hatten das aus mir zu machen was ich heute bin. Ich war heilfroh, dass mein Freund für mich da war und mich aufgefangen hat! Allein hätte ich mit der Situation nicht klar kommen wollen.
Sven hatte mir bereits in den ersten Mails so viele Fakten geschrieben, die eigentlich nur Familienmitglieder wissen können. Am heftigsten war darunter, dass er wusste, wann ich mich von Herzberg nach Berlin umgemeldet hatte. Das wusste ich selbst nicht genau und es war so nebensächlich, dass ich meinen Eltern zu dem Zeitpunkt auch nur kurz davon erzählt hatte. Das war dann auch das erste Mal, dass sich mir kurzzeitig der Magen drehte. Ich dachte „Mensch, da hat sich wer aber richtig Mühe gemacht dich zu finden…“. Vermutlich wie meine Eltern gegrübelt haben, wie sie mir die Wahrheit sagen sollen, hab ich es auch getan. „Wann ist denn der richtige Zeitpunkt?“…
„Wie stell ich` s am Geschicktesten an?“…
„Anrufen, dann hab ich sofort Gewissheit – oder persönlich ansprechen? Aber so schnell fahr ich auch nicht wieder hin, und wenn ich das Telefon auflege weiß ich auch nicht was bei meinen Eltern weiter geschieht…“ Dann Ende Mai hab ich mit meiner Mutter telefoniert. Es war trotz der Gewissheit, dass ich die Wahrheit kannte, „wie immer“. Aber doch auch intensiver, anders – schwer zu erklären. Dann fragte sie, ob ich „was hätte“. Eigentlich wollte ich sie persönlich ansprechen; andererseits wollte es aus mir raussprudeln – immerhin hat sich in den letzten 3 Wochen bei mir `ne Menge getan und ich wollte gern davon erzählen. Also hab ich – nachdem ich das Versprechen eingeholt hatte, dass sie nach dem Auflegen damit umgehen kann – gefragt ob ihr all die Namen, die ich im Kopf hatte, was sagen (Sven, Frank, Sabine, …). Sie sagte jedoch immer „Nein“, sodass ich wieder skeptisch wurde. Dann hab ich gesagt: „Na ok, ich weiß, dass ich adoptiert worden bin. Mein Bruder hat mich gefunden. Und ich bin euch nicht böse, ich hab euch lieb…“ So, oder so ähnlich muss ich geklungen haben. Meine Mutter meinte: „Puh, jetzt fällt mir aber ein Stein vom Herzen. …“. Sie wollte auch sofort anfangen sich zu rechtfertigen, warum sie es mir nicht schon eher gesagt haben; das schlechte Gewissen konnte ich spüren.
Im Gespräch beim nächsten Treffen haben sie mir erzählt, dass sie seit 22 Jahren den passenden Zeitpunkt gesucht haben. Immer wieder haben die und dann wieder diese und jene Faktoren nicht gepasst, sodass es bis zu dem Zeitpunkt wohl keinen „richtigen“ Zeitpunkt gegeben hatte… Eine der Ängste meiner Eltern und der ganzen Familie war immer, dass ich mich für meine „Erzeuger“ dann mehr interessieren würde als für meine Eltern, sie mich quasi verlieren würden. Deshalb gab es auch innerhalb der Familie unterschiedlich Ansichten. Von „Um Gottes Willen, erzählt es bloß nicht!“ (Opa väterlicherseits, Uroma mütterlicherseits) bis zu „Wann wollt Ihr es ihr denn sagen? Wenn ihr wollt kommen wir mit dazu und helfen dabei.“ (der Cousin meiner Mutter und dessen Frau). Ich denke sie haben kein Problem damit, interessieren sich auch brennend für das Leben und Tun meiner Geschwister. Natürlich sind sie auch ziemlich interessiert am Leben unserer „Erzeuger“. Sie haben damals 1985, als sie mich endgültig auf dem Papier adoptierten, auch nicht viel über die leiblichen Eltern ihrer Tochter erfahren. Oh ja, da gab es viele Situationen, dass ich evtl. adoptiert bin. Im Nachhinein waren es viele Indize, die mich zwar kurz skeptisch werden ließen, aber - so wie es nun mal ist… „Mir passiert so was doch nicht!“… Zum Beispiel hab ich mich gerade in den letzten Jahren immer öfter gefragt, warum es von mir keine Babyfotos gibt auf denen ich offensichtlich jünger als ca. 10 Monate bin. Dann war da die Uroma, die immer – jahrelang - zu mir gesagt hat: „Kind, so schön wie bei deinen Eltern bekommst du`s im Himmel nicht mehr.“ Ich habe das oft abgetan, mit dem Gedanken, dass sie selbst eine schreckliche Kindheit und Jugend hatte – 2 Weltkriege miterlebt und viel Elend in ihrem Leben durch hatte. Jetzt ist mir klar, dass sie einfach nur stolz war und wollte, dass ich meine Eltern würdige und ihnen zu Gute halte was sie für mich getan haben. Andererseits kann ich mich an eine Situation erinnern, die ich nie vergessen hab und die mir immer bestätigt hat „Jawohl, Doris und Bernd sind deine Eltern!“
Ich war ungefähr 10 Jahre alt, mein Vater arbeitete damals im Autohaus in Herzberg. Ich bin manchmal nach der Schule vorbei gegangen, warum weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls sagte einmal eine Kollegin – die nicht wusste, dass ich adoptiert wurde: „Mensch, sie ist ja ganz der Papa!“. Das hat mich damals so stolz gemacht, und war von da an immer in meinem Kopf. Wenn man meinen Vater und mich so sieht, ist aber eine gewisse Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen; meiner Meinung nach jedenfalls… Meine Mutter erzählte mir, dass sie manchmal, als ich in der Pubertät fehlschlug, oft den Gedanken hatte, dass ich vielleicht gar Nichts „dafür konnte“, könnten ja auch die Gene gewesen sein, …
Sven und ich haben uns getroffen, ziemlich schnell sogar, Mitte Mai war`s. Er hat mich mit Jacqueline in Berlin besucht. Meine Gefühle am Tag davor ? Ich weiß nicht; ich hatte Nachtdienst gehabt und war sowieso ziemlich groggy. Ich war aufgeregt, klar. Aber es war mehr Vorfreude die ich verspürte. Wenn Sven nicht nach seinen Wurzeln gesucht hätte, wüsste ich heute nicht, dass es eine Verbindung zwischen uns gibt und wie viel dahinter steckt… Ich denke, dass früher oder später in jedem Adoptierten das Gefühl hochkommt wissen zu wollen was wann war und wie. Ich weiß nicht ob ich auch auf die Suche gegangen wäre, wenn ich schon früher von meiner Adoption gewusst hätte, eben wahrscheinlich nicht sofort. Einfach aus Angst Dinge zu entdecken, die unangenehm sein könnten für mich. Aber die Neugier hätte gesiegt, ganz sicher - so bin ich. Ungewohnt, aber schon cool. Ich hab mir als Kind oft einen großen Bruder gewünscht. Dass es dann jetzt zwei geworden sind ist doch noch viel schöner! Und als „kleine Schwester“ fühlte ich mich auch gleich ganz wohl… Ich hatte schon in meiner Ausbildung manchmal den Ruf einer „KrankenSchwester“; Nun weiß ich, dass ich tatsächlich Krankenschwester und (kranke) Schwester bin.J
Mit Kay maile ich ab und an, aber der Kontakt ist nicht annähernd so intensiv wie der zwischen Sven und mir. Das ist Ok so; ich kenne Kay ja eigentlich gar nicht. Er war fünf Jahre alt als wir getrennt wurden, hat zweifelsohne am bewußtesten diesen Break miterlebt. Dass er jetzt nicht vor Begeisterung vom Hocker springt und sich bedingungslos für seine Schwester interessiert kann ich auch irgendwie nachvollziehen. Jeder von uns hat ja sein Leben, mit all den Strukturen und Eigenheiten; wenn da dann ein solches Ereignis „zwischen“ kommt ist es auch schwer das so zu ordnen… Aber vielleicht ändert sich das noch.
Frank und Sabine habe ich einen Brief geschrieben; mir ging es dabei darum Dinge über die gesundheitliche Verfassung meiner nächsten Angehörigen zu erfahren. Aus dem Grund weil ich mit 18 Jahren eine Nierenkolik hatte, ab und an immer noch kleine Herzrhythmusstörungen habe und Job bedingt einfach weiß, wie wichtig eine medizinische Familienanamnese sein kann…
Ansonsten gab`s da bisher noch nichts. Ich weiß, dass ich auch noch eine Weile brauchen werde bis ich näheren Kontakt zu den Beiden zulassen kann und möchte. Sven hatte ja alle Infos, also die Adressen und Telefonnummern von Sabine und Frank, falls ich mich noch näher mit meiner Vergangenheit auseinander setzen möchte. Kay hat er dann, glaube ich, zwei Wochen nachdem er mich gefunden hatte ausfindig machen können. Kay zu treffen wäre kein Problem, wenn ich bei meinen Eltern bin, ist Bautzen nur einen Katzensprung entfernt. Selbst von Berlin ist es ja nicht allzu weit weg. Aber wie gesagt, da ist das „Rantasten“ noch nicht passiert.
Puh, also fürs Erste reicht mir der dosierte Kontakt. Dabei wäre ein Geschwistertreffen kein großes Problem. Ich würde mich wahrscheinlich total unwohl fühlen, wenn wir alle fünf aufeinander treffen – immerhin wäre das dann die „ursprüngliche“ Familienkonstellation… Und der Gedanke kann durchaus bedrücken…