"Heidrun"*
 
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Hallo, mein Name ist Heidrun* und ich bin eine so genannte Rabenmutter, die Ihre Kinder zur Adoption frei gegeben hat. Glaubt mir bitte, nicht jede Mutter hat es sich leicht gemacht ihre Kinder in die Obhut fremde Hände zu legen. Es macht mich sehr traurig, die ganzen Geschichten der Kinder zu lesen und dass sie Teilweise auch nichts mehr von ihren leiblichen Eltern wissen wollen. Sven hat mich gebeten meine Geschichte zu erzählen, er kennt meinen richtigen Namen, damit er, wenn er möchte alles nachprüfen kann.

Mit knapp 18 Jahren, ging ich damals von zu Hause fort, weil dort nur Chaos herrschte. Mit einer Freundin wohnte ich in Düsseldorf, wo ich auch meinen Mann Horst kennen lernte, da ich unerfahren war, wurde ich schnell das erste mal schwanger und wir heirateten. Bei der Geburt meines ersten Sohnes Till, stellten die Ärzte fest, dass Till einen offenen Bauch hatte, dass heißt, sein Dick- und Dünndarm lagen offen. Also musste er in eine spezial Klinik für Kinder. Ich hatte zu der Zeit noch keinen Führerschein und musste immer mit der Bahn fahren (ca. 1,5 std. fahrt), als ich dann meinen Mann fragte, ob er mich nicht mal fahren könne, weil es Till nicht gut ging, hatte er keine Zeit, er müsse seinen Kumpel in die Stadt fahren. Mein Sohn war fast 4 Monate im Krankenhaus, in dieser Zeit wäre er fast 3-mal gestorben. Die erste Zeit durfte ich mein Kind nur durch eine Scheibe sehen, aber als ich ihn dann in meinem Arm halten durfte, war ich so glücklich, dass ich auch den ärger mit Horst vergessen habe.

Etwas später wurde ich wieder schwanger und mein Mann ging auf Montage, zu seinem Geburtstag wollte ich ihn überraschen, nur wurde ich überrascht. Hoch schwanger fuhr ich mit meiner Mutter zu Horst und wartete in der Pension wo er wohnte. In der Gaststätte, die dazu gehörte, warteten wir auf meinen Mann, bis die Wirtin zu mir kann und mir sagte wo ich ihn finden kann. Na ja was soll ich sagen, er war bei einer anderen Frau und wollte mich verlassen. Einen Monat später kam er zu mir und Till zurück Als ich bei der Geburt von Nico im Krankenhaus lag, sagte man mir, ich sei nicht versichert obwohl mein Mann am arbeiten war, könnt ihr euch vorstellen wie ich mich fühlte? Wir zogen dann in die Nähe meiner Mutter, dort fand Horst eine gute Arbeit. Aber nach einem halben Jahr musste er plötzlich zu seinem Bruder nach Bielefeld, Tagelang hörte ich nichts von ihm, also fuhr ich ihm mit den Kindern nach und wohnte bei seiner Mutter, bis ich merkte das er wieder eine andere Frau kennen gelernt hatte. Seine Schwägerin hatte damals eine Bar und sie brauchte noch eine neue Bedienung und ich etwas über 20 Jahre., von allen keine Ahnung, sagte ja, denn die 30DM Fixum waren viel Geld, wenn man keines hat. Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass Kerstin sehr krank war und für ein paar Monate ins Krankenhaus musste, also blieb ich noch.

Bis eine Anzeige vom Jugendamt bei uns einging und wir dort erscheinen mussten, man sagte uns das sich einiges in unserer Familie ändern muss, wenn wir die Kinder behalten wollten. Aber Horst meinte es ist schon Ok, er würde sich ja schließlich um die Kinder kümmern, wenn ich am arbeiten bin. Nach ein paar Tagen sprach ich Horst noch einmal auf dieses Thema an, entweder sah er nicht oder wollte es nicht sehen, wie es mir ging, er schlug mir mit voller wucht ins Gesicht und sagte das Thema Jugendamt will er nie wieder hören. Ich ging dann heimlich zu den Mann von Jugendamt, der schaute mich ganz erschocken an und fragte ob ich mit meiner Blessur in meinem Gesicht nicht zum Arzt gehen wollte. Ich verneinte es und bat ihn nur, so schnell wie möglich eine Pflegefamilie zu finden, weil ich mit meinen Nerven am Ende bin.

Als sich sehr kurze Zeit später Frau Meyer* bei mir meldete und wir uns in einem Gespräch kennen lernten, war sie mir gleich vertraut, fast wie eine Schwester. Nun sie holte Till und Nico zu sich mit der Vereinbarung, dass die Kinder bis zur Scheidung bei ihr bleiben sollen.  

Ich zog wieder in meine Heimatstadt, zu meiner Mutter und suchte mir eine Arbeit als Bedienung in einem Hotel mit Cafe und Restaurant. Horst fuhr mir natürlich nach und besuchte mich bei meiner Mutter wo ich ja zur Zeit auch wohnte, als ich ihm klar machte, das ich nichts mehr von ihm wissen wollte, wurde er sehr komisch, er ging zur Toilette, als er nicht wieder kam, ging ich ihm nach, um sehen was los ist. Er hatte versucht sich die Pulsadern auf zu schneiden. Der Notarzt sagte damals zu mir das es kein richtiger Selbstmordversuch war er wollte nur Aufmerksamkeit und im nach hinein, glaube ich es auch, denn (man macht über solche Dinge keine Scherze) er hatte sich ein Messer genommen das vollkommen stumpf war und auch die Toilettentür offen, aber in diesen Moment merkte man es nicht, man war nur schockiert. Nach dieser Sache habe ich Horst noch einmal eine Chance gegeben, was wieder voll in die Hose ging. Er ging zwar wieder auf Montage arbeiten, aber es kam von seiner Seite kein Geld in die Haushaltskasse, ganz im Gegenteil, ich musste ihm noch eine Fahrkarte kaufen, damit er zur Arbeit kommen konnte. Jeder kann sich ja denken wie schwierig es ist als Bedienung ein Wochenende frei zu bekommen, damit man seine Kinder besuchen kann und sie wohnten ca. 250km von mir entfernt und ich musste drei mal für ihn die Besuchtermine verschieben. Nun ich habe dann endgültig einen Schlussstrich gezogen und Horst gesagt das es reicht, er sollte gehen, was er auch machte.  

Ich arbeitete manche Tage 12 oder 13 Stunden um neue Möbel kaufen zu können, ich wollte ja das Till und Nico ein schönes zu Hause haben, selbst die junge Frau vom Jugendamt half mir, sie hätte ein paar schöne Kinderzimmermöbel für mich, was ich dankbar annahm. In dieser Zeit lernte ich auch meinen neuen Freund und späteren Mann Paul kennen. Seit meine Kinder in die Pflegefamilie gekommen waren, sind zu diesem Zeitpunkt über 2 Jahre vergangen und ich war wieder in anderen Umständen. Die letzten Besuche bei meinen Kindern waren nicht so schön für mich, weil sie Frau Meyer* mit Mama riefen und sah wie sehr sie sie liebten. Ich schrieb ihr unter Tränen einen Brief mit der Frage ob sie und ihr Mann, Till und Nico adoptieren möchten. Am gleichen Tag als sie den Brief bekam rief sie mich an und willigte freudig ein. Beim Scheidungstermin war ich, weil ich ja ein Glückskind bin, ohne Anwalt, er hatte die Termine vertauscht. Horst wollte immer noch keine Scheidung und auch nicht das die Kinder adoptiert werden. Als ich versuchte etwas zu erklären, fielen er und sein Anwalt mir des Öfteren ins Wort, was für eine schlechte Mutter ich sei, bis der Richter sagte man solle mich ausreden lassen und Rücksicht nehmen. Zu Horst sagte ich nur, wenn du möchtest das wir hier dreckige Wäsche waschen, gerne, wer von uns beiden dann aber den Kürzeren zieht weiß er ja wohl am besten und zu der Frau vom Bielefelder Jugendamt, ich weiß nicht was mein Mann ihnen alles vorgeheult hat, es interessiert mich nicht, heute geht es in erster Linie um meine Kinder Till und Nico, nur das ist für mich wichtig. Ich möchte das Familie Meyer* meine Kinder adoptieren und wenn das nicht möglich ist, werde ich um sie kämpfen, koste es was es soll, denn ich habe noch Informationen über einen Mann, die ich dann hier darlegen werde. Nur der Richter entschied sich für meinen Wunsch.  

Nach der Verhandlung fuhren Frau Meyer* und ich zu ihr nach Hause und meinen Kindern, damit ich sie noch einmal sehen konnte. Bei der Verabschiedung haben wir uns  alle in den Arm genommen und als Till meine Tränen sah, fragte er mich ob er mir weh getan hätte, dieser Schmerz in meinem Herzen ist immer noch genauso frisch wie damals vor 22 Jahren, aber die Liebe zu meinen Kindern kann mir keiner nehmen, denn im Herz sind und bleiben sie meine Kinder genauso wie Oliver und Peer.  

Was Horst heute macht, wie es ihm geht, weiß ich nicht. Frau Meyer* erzählte mir vor ein paar Jahren mal, dass er Vater einer Tochter geworden sei. Heute weiß ich das meine Entscheidung richtig war, denn kurz nach meiner zweiten Heirat, habe ich die Hölle erlebt, mein Mann fing das  Trinken an und wenn er voll war, wurde ich von ihm geschlagen und das ist noch milde ausgedrückt Paul trank soviel, das sogar Oliver (er war gerade drei Jahre) das mit bekam, denn als ich mit meinen Kinder beim Kinderarzt war und mich fragte, ob ich noch Alkohol zum desinfizieren hätte, weil Peer unter Phimosis litt, kam es wie aus der Pistole geschossen "nee haben wir nicht, Papa hat das alles schon ausgetrunken". Sicher werdet ihr euch fragen wie man sich so etwas gefallen lassen kann, ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich Till und Nico zur Adoption gegeben hatte und nicht wieder als Versagerin zu gelten, keine Ahnung. Seinen Kindern Oliver und Peer war er immer ein guter Vater. Paul und Oliver waren wie ein Herz und eine Seele, bis er Karin aus der Nachbarschaft näher kennen lernte und ich dies zum Anlass nahm um mich von ihm zu trennen. Nach 6 Jahren der Hölle, wurde auch diese Ehe geschieden. Aber meine Ruhe hatte ich immer noch nicht, es wurde mitten in der Nacht angerufen, das Auto beschmiert, Reifen durchstochen und einiges mehr. Seine zweite Frau wurde auch von ihm geschlagen, sie tauchte eines Nachts bei mir auf, völlig mit den Nerven am Ende, am nächsten Morgen fuhren Karin und ich in die gemeinsame Wohnung von ihr und Paul um ihre Kinder zu holen (Paul war nicht der Vater), was nicht so einfach war, wir mussten die Polizei rufen, damit sie Isabelle (2,5 Jahre) und Marco(9 Jahre) ohne schaden mitnehmen konnte. Sie war dann ca. 6 Wochen bei mir, bis sie wieder zu Paul zurückging. Ich sagte ihr, nicht im Bösen, du kannst tun und lassen was du willst, aber bedenke was du da mit deinen Kindern machst, wenn sie immer mitbekommen müssen wie ihre Mutter geschlagen wird, das ist nicht gut, dir ist nicht zu helfen, aber deine Kinder sind hier bei mir immer willkommen. Nach ca. 4 Wochen ging wieder nachts das Telefon, Britta, die Nachbarin von Paul und Karin, sagte mir „Paul wurde von Karin erstochen“. Ich dachte damals, ich falle aus allen Wolken. Karin wurde nicht verurteilt, weil es auf Notwehr heraus lief und auch auf meiner Aussage hin.

Das ist jetzt 12 Jahre her, ich bin langsam etwas zur Ruhe gekommen.  

Oliver und Peer würde ich sehr gerne ihre Brüder einmal kennen lehren, einen Versuch per Brief hatten sie einmal gemacht, aber leider ist nichts daraus geworden. Danach hatte ich Frau Meyer* noch einmal angerufen, sie sagte nur, dass Till kein Interesse hat, aber ich hatte auch das Gefühl dass es ihr nicht gefiel, dass Oliver und Peer nach ihren Brüdern fragen.  

Wie gerne würde ich wissen, wie sie heute aussehen, was sie machen und so vieles mehr, aber leider habe ich es mit der Adoption verwirkt.  

Es tut nur so unendlich weh.  

Meinen Kindern geht es gut und nur das ist wichtig.

*In diesem Fall haben wir die Namen geändert!

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Stand: 11.07.2007